Ich arbeite gerade unsere gesamte Pflanzendatenbank durch. Der Anlass ist die neue Garten-Fee, die in Version 2.0 kommt. Sie füllt freie Flächen und Zeiträume im Beet, schlägt Gründüngung vor und kann auf Wunsch sogar einen ganzen Garten aus der neuen Wunschliste planen. Damit sie sinnvolle Vorschläge macht, müssen die Daten im Hintergrund stimmen. Beim Testen bin ich auf Unstimmigkeiten bei den Nachbarschaften und der Einordnung von Vorgänger und Nachfolger gestoßen. Also gehe ich alles noch einmal durch, bevor 2.0 erscheint.
Ein Fall, an dem ich gerade länger gesessen bin, sind Lauchgewächse und Kohl. Also z.B. Zwiebel, Knoblauch, Lauch und Schnittlauch auf der einen Seite, Weißkohl, Brokkoli, Kohlrabi und die anderen auf der anderen. Ich nehme Euch hier mit, wie ich mich bei diesem Paar entschieden habe und warum.
Drei Länder, drei Meinungen
Bei der Recherche hat mich überrascht das je nachdem, in welchem Land man sucht, man eine andere Antwort bekommt.
In den deutschen Tabellen gelten Zwiebel und Lauch fast durchgängig als schlechte Nachbarn für Kohl. Als Grund werden meist ätherische Öle genannt, die dem Kohl schaden sollen. In der englischsprachigen Literatur ist es umgekehrt. Dort werden Zwiebel und Knoblauch als sehr gute Kohl-Partner empfohlen, deren Schwefelgeruch die Schädlinge fernhalten soll. Und in Frankreich gibt es noch einen dritten Weg, denn sie unterscheiden innerhalb der Lauchgewächse. Knoblauch, Schalotte und Lauch neben Kohl gilt vielen als heikel, die Zwiebel dagegen wird oft ausdrücklich empfohlen.
Dreimal dieselbe Pflanzengruppe, dreimal derselbe Duft, und drei gegensätzliche Schlüsse. Das ist keine Frage von richtig oder falsch, und ich will hier auch keine Tradition gegen die andere ausspielen. Jede dieser Gartenkulturen hat über Jahrzehnte Erfahrung gesammelt. Aber für eine Datenbank, die in mehreren Sprachen dasselbe sagen soll, ist das eine echte Zwickmühle. Welchem Wert soll ich vertrauen, wenn drei erfahrene Traditionen sich widersprechen?
Eine Vermutung am Rande
Wenn man viele dieser Tabellen nebeneinanderlegt, fällt etwas auf. Innerhalb eines Sprachraums ähneln sie sich sehr. Klar, gleiches Thema, gleiche Pflanzen, sollten also ähnlich sein. Ich gehe davon aus, das eine ursprüngliche Einordnung übernommen wurde, weitergereicht und irgendwann zur allgemein bekanntem Wissen wurde. Das würde auch erklären, warum die Länder jeweils so geschlossen einer Meinung sind und sich trotzdem untereinander widersprechen.
Ich nehme uns da selbst auch nicht raus. Wir haben ja auch in unterschiedlichsten, bisher meist deutschsprachigen Quellen recherchiert. Hier gibt es wohl noch einiges aufzuarbeiten.
Mein aktueller Weg: erst mal schauen, was belegt ist
Weil ich mich zwischen den Traditionen nicht entscheiden kann und will, habe ich mich an der wissenschaftlichen Lage und an Fachliteratur orientiert.
Das Ergebnis ist nüchtern. Für den oft behaupteten Schutz durch den Zwiebelduft gibt es kaum belastbare Belege. Studien zur Kohlfliege deuten sogar darauf hin, dass nicht der Geruch wirkt, sondern schlicht grüne Blattmasse als Ablenkung, und davon liefert eine Zwiebel wenig. Für eine chemische Schädigung des Kohls durch Lauchgewächse habe ich ebenfalls keinen tragfähigen Nachweis gefunden.
Ein Blick in die Bücher, die bei mir neben dem Schreibtisch liegen, passt dazu. Auch dort keine ausdrückliche Warnung vor dieser Nachbarschaft, aber eben auch keine positive Empfehlung. Dieses „weder noch" hat sich für mich am ehesten wie die ehrliche Antwort angefühlt. Und ich habe ein höheres Vertrauen in diese Bücher.
Wie ich die Nachbarschaft nun einordne
Deshalb führen wir Lauchgewächse und Kohl als Nachbarn neutral. Keine Warnung, aber auch keine Empfehlung.
Einen Punkt werte ich dabei bewusst nicht als Problem, nämlich die oft genannte Konkurrenz um den Platz. Die beiden werden ja nicht direkt nebeneinander gesetzt, sondern mit ordentlichem Abstand. Durch den Reihenabstand entsteht die Konkurrenz um Licht und Wasser gar nicht erst, vor der teilweise gewarnt wird. Für die Nachbarschaft ist der Boden ohnehin selten das Thema. Da geht es eher um Schädlinge, und ein gerichteter Schutz in die eine oder andere Richtung ist hier nicht belegt.
Bei der Fruchtfolge wird es interessanter
Anders sieht es aus, wenn die beiden nicht nebeneinander, sondern nacheinander im Beet stehen. Hier gibt es einen belegbaren Vorteil, allerdings nur in einer Richtung: Kohl vor Lauchgewächsen.
Kohl und die anderen Kreuzblütler hinterlassen beim Abbau ihrer Rückstände Stoffe, die im Boden zu natürlichen, pilzhemmenden Verbindungen umgewandelt werden. Diesen Effekt nennt man Biofumigation. Er kann bodenbürtige Erreger unterdrücken, darunter den Verursacher der gefürchteten Weißen Zwiebelfäule. Genau der gewünschte Effekt für die nachfolgende Lauchkultur.
Warum Zwiebel und Schalotte bei der Fruchtfolge eine Ausnahme sind
Es gibt aber einen Haken, und der betrifft ausgerechnet die Zwiebel und ihre nahe Verwandte, die Schalotte.
Die schweren Kohlsorten werden oft gedüngt und hinterlassen stickstoffreiches Material im Boden. Für Lauch oder Frühlingszwiebeln ist dieser Stickstoff-Nachschub kein Problem. Speisezwiebeln und Schalotten reagieren dagegen empfindlich. Zu viel Stickstoff führt bei ihnen zu weichen, schlecht lagerfähigen Zwiebeln und den bekannten Dickhälsen. Der schöne Biofumigations-Vorteil und der Stickstoff-Nachteil heben sich hier ungefähr auf.
Deshalb behandeln wir in der Datenbank die Zwiebel und die Schalotte nach den starkzehrenden Kohlsorten anders als den Rest der Lauchfamilie. Nach einem früh räumenden, genügsamen Kohlrabi ist die Zwiebel dagegen wieder ein guter Nachfolger.
Fazit
Bei unserer Datenbank haben wir auch Literatur und Kreuztabellen gewältzt, sind also auch ein Teil genau dieses Systems. Ich mag es aber nicht, wenn eine Datenbank sich sicherer gibt, als die Sache es hergibt. Für die Garten-Fee gilt das doppelt, denn sie erstellt aus diesen Werten am Ende konkretere Vorschläge fürs Beet als es die bisherigen Filter tun. Bei Lauch und Kohl ist für mich die ehrlichste Antwort für die Nachbarschaft ein neutrales „kein belegter Effekt in die eine oder andere Richtung". Der nutzbare Zusammenhang liegt in der Fruchtfolge, und den bilden wir dort ab, wo er auch greift.
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