Ich arbeite gerade unsere gesamte Pflanzendatenbank durch. Der Anlass ist die neue Garten-Fee, die in Version 2.0 kommt. Sie füllt freie Flächen und Zeiträume im Beet, schlägt Gründüngung vor und kann auf Wunsch sogar einen ganzen Garten aus der neuen Wunschliste planen. Damit sie sinnvolle Vorschläge macht, müssen die Daten im Hintergrund stimmen. Beim Testen bin ich auf Unstimmigkeiten bei den Nachbarschaften und der Einordnung von Vorgänger und Nachfolger gestoßen. Also gehe ich alles noch einmal durch, bevor 2.0 erscheint.
Ein Fall, an dem ich gerade länger gesessen bin, sind Lauchgewächse und Kohl. Also z.B. Zwiebel, Knoblauch, Lauch und Schnittlauch auf der einen Seite, Weißkohl, Brokkoli, Kohlrabi und die anderen auf der anderen. Ich nehme Euch hier mit, wie ich mich bei diesem Paar entschieden habe und warum.
Je nach Land eine andere Antwort
Bei der Recherche hat mich überrascht, dass man je nach Land, in dem man sucht, eine andere Antwort bekommt.
In den deutschen Tabellen gelten Zwiebel und Lauch fast durchgängig als schlechte Nachbarn für Kohl. Als Grund werden meist ätherische Öle genannt, die dem Kohl schaden sollen. In der englischsprachigen Literatur ist es oft umgekehrt. Dort werden Zwiebel und Lauch gern als Kohl-Partner empfohlen, deren Schwefelgeruch die Schädlinge fernhalten soll. Ganz einig ist man sich aber auch dort nicht, beim Knoblauch raten manche Seiten ausdrücklich ab. Die französischen Gartenseiten, die ich mir angesehen habe, liegen eher auf der deutschen Linie und raten bei Zwiebel, Lauch und Schalotte vom Kohl als Nachbarn ab.
Dieselbe Pflanzengruppe, derselbe Duft, und trotzdem gegensätzliche Schlüsse. Das ist keine Frage von richtig oder falsch, und ich will hier auch keine Tradition gegen die andere ausspielen. Jede dieser Gartenkulturen hat über Jahrzehnte Erfahrung gesammelt. Aber für eine Datenbank, die in mehreren Sprachen dasselbe sagen soll, ist das eine echte Zwickmühle. Welchem Wert soll ich vertrauen, wenn sich erfahrene Traditionen widersprechen?
Eine Vermutung am Rande
Wenn man viele dieser Tabellen nebeneinanderlegt, fällt etwas auf. Innerhalb eines Sprachraums ähneln sie sich sehr. Klar, gleiches Thema, gleiche Pflanzen, sollten also ähnlich sein. Ich gehe davon aus, dass eine ursprüngliche Einordnung übernommen wurde, weitergereicht und irgendwann zu allgemein bekanntem Wissen wurde. Das würde auch erklären, warum die Länder jeweils so geschlossen einer Meinung sind und sich trotzdem untereinander widersprechen.
Ich nehme uns da selbst auch nicht raus. Wir haben ja auch in unterschiedlichsten, bisher meist deutschsprachigen Quellen recherchiert. Hier gibt es wohl noch einiges aufzuarbeiten.
Mein aktueller Weg: erst mal schauen, was belegt ist
Weil ich mich zwischen den Traditionen nicht entscheiden kann und will, habe ich mich an der wissenschaftlichen Lage und an Fachliteratur orientiert.
Das Ergebnis ist nüchtern. Für den oft behaupteten Schutz durch den Zwiebelduft gibt es kaum belastbare Belege. Studien zur Kohlfliege deuten sogar darauf hin, dass nicht der Geruch wirkt, sondern schlicht grüne Blattmasse als Ablenkung, und davon liefert eine Zwiebel wenig. Für eine chemische Schädigung des Kohls durch Lauchgewächse habe ich ebenfalls keinen tragfähigen Nachweis gefunden.
Ein Blick in die Bücher, die bei mir neben dem Schreibtisch liegen, ergibt ein gemischtes Bild. Gertrud Franck führt Kohl und Zwiebeln nach jahrelangen Beobachtungen in ihrem Mischkulturgarten als ungünstige Nachbarn, Schwester Christa Weinrich sieht es ähnlich. Eine Begründung geben beide nicht. Andrea Heistinger nennt das Paar weder als gut noch als schlecht. Es steht also eine Beobachtung aus langer Praxis gegen einen ganzen Sprachraum, der das Gegenteil erzählt, und für keine der beiden Seiten gibt es einen Mechanismus, der sie erklärt.
Wie ich die Nachbarschaft nun einordne
Deshalb führen wir Lauchgewächse und Kohl als Nachbarn neutral. Keine Warnung, aber auch keine Empfehlung. In der App steht dazu ein kurzer Hinweis, dass dieses Paar in jedem Land anders überliefert wird.
Eine Ausnahme gibt es, und zwar Kohlrabi und Lauch. Andrea Heistinger und Schwester Christa Weinrich beschreiben beide, wie man Kohlrabi zwischen den Lauch setzt. Der Kohlrabi ist schnell geerntet, danach hat der langsam wachsende Lauch den Platz für sich. Das ist ein bewährter Praxistipp für genau dieses Paar, deshalb führen wir Kohlrabi und Lauch als gute Nachbarn.
Einen Punkt werte ich bewusst nicht als Problem, nämlich die oft genannte Konkurrenz um den Platz. Die beiden werden ja nicht direkt nebeneinander gesetzt, sondern mit ordentlichem Abstand. Durch den Reihenabstand entsteht die Konkurrenz um Licht und Wasser gar nicht erst, vor der teilweise gewarnt wird. Für die Nachbarschaft ist der Boden ohnehin selten das Thema. Da geht es eher um Schädlinge, und ein gerichteter Schutz in die eine oder andere Richtung ist hier nicht belegt.
Bei der Fruchtfolge kommt es auf die Art an
In der ersten Fassung dieses Artikels hatte ich Kohl als gute Vorfrucht für alle Lauchgewächse beschrieben. Das hat einer genaueren Prüfung nicht standgehalten. Inzwischen haben wir jedes Lauchgewächs einzeln angeschaut, und das Bild ist deutlich gemischter.
Für den Lauch passt Kohl als Vorfrucht gut. Andrea Heistinger nennt Kohlgewächse und Kartoffeln ausdrücklich als gute Vorfrüchte für Lauch. Eine Begründung gibt sie nicht, naheliegend ist, dass der Starkzehrer Lauch mit einem gut versorgten Kohlbeet bestens zurechtkommt.
Bei Knoblauch, Schnittlauch, Schnittknoblauch und Etagenzwiebel habe ich keine Quelle gefunden, die Kohl als gute oder schlechte Vorfrucht nennt. Für den Knoblauch empfehlen Andrea Heistinger und Schwester Christa Weinrich andere Vorfrüchte, vor allem Hülsenfrüchte. Kohl vor diesen Lauchgewächsen führen wir deshalb ohne Bewertung. Bei der Frühlingszwiebel gehen die Meinungen auseinander, dort steht Kohl als Vorfrucht neutral mit einem Hinweis.
Was aus der Biofumigation geworden ist
Kohl und die anderen Kreuzblütler enthalten Glucosinolate. Beim Abbau ihrer Rückstände entstehen daraus im Boden Stoffe, die Bodenpilze hemmen können. Diesen Effekt nennt man Biofumigation. In der ersten Fassung hatte ich daraus abgeleitet, dass Kohlreste den Erreger der Weißen Zwiebelfäule, auch Mehlkrankheit genannt, unterdrücken und Kohl deshalb Lauchgewächsen den Weg bereitet.
Die Versuche dazu geben das für den Garten nicht her. In Topfversuchen sank die Zahl der Dauerkörper der Weißen Zwiebelfäule erst dann deutlich, als Kohl- und Zwiebelabfälle etwa die Hälfte des Bodengewichts ausmachten. Im Feld war die Wirkung schwächer. Solche Mengen bleiben nach einer Kohlernte nie im Beet. Was in der Forschung funktioniert, sind gezielt angebaute Gründüngungen wie Sareptasenf, die zur Blüte zerkleinert und sofort eingearbeitet werden. Mit den Ernteresten eines Kohlbeets hat das wenig zu tun.
Die Biofumigation ist deshalb als Begründung aus unseren Daten verschwunden. Damit fällt auch die Sonderregel weg, die Kohlrabi, Chinakohl und Pak Choi wegen ihrer schwachen Wurzeln ausgenommen hatte.
Warum Zwiebel und Schalotte nach Kohl ungünstig stehen
Bei der Speisezwiebel und ihrer nahen Verwandten, der Schalotte, ist Kohl als Vorfrucht sogar eher ein Nachteil. Das Merkblatt des FiBL zum biologischen Zwiebelanbau nennt Kohlarten ausdrücklich als ungeeignete Vorfrucht. Kohl hinterlässt viele Ernterückstände, und der Stickstoff, der daraus erst spät frei wird, verzögert die Abreife der Zwiebeln. Zu viel Stickstoff macht Zwiebeln außerdem weich und schlecht lagerfähig und führt zu den bekannten Dickhälsen.
Für Lauch und Frühlingszwiebeln, die frisch geerntet und nicht eingelagert werden, spielt das keine Rolle. Zwiebeln und Schalotten nach Kohl führen wir dagegen als ungünstig, mit einem Jahr Abstand.
Fazit
Bei unserer Datenbank haben wir auch Literatur und Kreuztabellen gewälzt, sind also auch ein Teil genau dieses Systems. Ich mag es aber nicht, wenn eine Datenbank sich sicherer gibt, als die Sache es hergibt. Für die Garten-Fee gilt das doppelt, denn sie erstellt aus diesen Werten am Ende konkretere Vorschläge fürs Beet, als es die bisherigen Filter tun. Bei Lauch und Kohl ist für mich die ehrlichste Antwort für die Nachbarschaft ein neutrales „kein belegter Effekt in die eine oder andere Richtung“. In der Fruchtfolge gibt es einen nutzbaren Zusammenhang, aber er ist kleiner, als ich anfangs dachte. Kohl ist eine gute Vorfrucht für Lauch und eine eher schlechte für Zwiebeln und Schalotten.
Nachtrag vom 2. Oktober 2026
Diesen Artikel haben wir überarbeitet. In der ersten Fassung vom August war Kohl eine gute Vorfrucht für alle Lauchgewächse, begründet mit der Biofumigation. Seitdem haben wir jedes Lauchgewächs einzeln mit Fachbüchern, Fachberatung und Studien geprüft. Dabei hat sich gezeigt, dass normale Kohlreste im Beet keine messbare Biofumigation bewirken. Wir haben deshalb den Teil zur Fruchtfolge neu geschrieben: Kohl ist jetzt nur noch für Lauch eine gute Vorfrucht, für Zwiebel und Schalotte eine ungünstige und für die übrigen Lauchgewächse ohne Bewertung.
Außerdem haben wir zwei Aussagen korrigiert. Die französischen Gartenseiten, die wir geprüft haben, empfehlen die Zwiebel neben Kohl nicht, sondern raten wie die deutschen eher ab. Und in den Büchern von Gertrud Franck und Schwester Christa Weinrich stehen Kohl und Zwiebeln sehr wohl als ungünstige Nachbarn. An der neutralen Einordnung der Nachbarschaft ändert das nichts. Neu ist nur die Ausnahme für Kohlrabi neben Lauch.

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